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Balthasar
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Nachzügler werden mit Keschern durch die Schleusen getrieben

Abfischen bei Werner Nabein in Teichgut im Landkreis Gifhorn

Idyllisch ist die Landschaft in Teichgut.

Werner Nabein öffnet die Schleuse.

Werner Nabein schlüpft in die Wathose, zieht seine Gummistiefel an. Draußen warten schon Mitglieder vom Anglersportverein Gifhorn, die ihm bei seiner heutigen nassen Arbeit helfen werden. „Das machen die jetzt schon seit 13 Jahren“, freut sich Nabein über die Unterstützung.

Mit Keschern und einem Gebilde aus vier im Dreieck zusammengenagelten Brettern bewaffnet, gehen Nabein und seine Helfer Richtung Teichanlage. Zwischen dem Bretterdreieck hängt ein Fischnetz, eines der wichtigsten Werkzeuge heute.

Das Wetter ist gut, nicht zu kalt, trocken zumindest was das Klima angeht. Nass werden die Männer bei der Arbeit werden, auch ohne dass es regnet. Nur selten hört man ein Auto die etwas weiter fortgelegene Straße entlangfahren, häufiger und lauter sind die Schreie der Vögel, die das Teichgebiet erobert haben. Frösche quaken, am Ufer eines Teiches dümpelt ein kleines Boot auf der stillen Wasseroberfläche.

“Wir haben hier See- und Fischadler“, sagt Nabein stolz. Auch seltene Schwarzstörche haben auf der rund 55 Hektar großen Anlage eine Heimat gefunden. 1908 entstand die Anlage in Handarbeit mit Spaten und Schaufel. Die 23 unterschiedlich großen Teiche wurden zwischen 1979 und 1986 nahezu komplett ausgeschoben. Nicht willkommen sind die Kormorane, von denen sich im Jahr bis zu 2000 Stück um die Fische streiten. „Die kommen von März bis November, manchmal fünf am Tag, manchmal 30. Es gab schon Jahre, da haben die Räuber Fische im Wert von 30.000 Euro weggefangen“, so der Fischzüchter. Nabein darf daher seit acht Jahren die Kormorane bejagen.

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Mit Keschern werden die Fische gefangen.

Handarbeit ist gefragt.

Nabein und seine Helfer sind an einem der Teiche angekommen. Das Wasser steht hier keinen halben Meter mehr hoch. Die Teiche sind ohnehin nur knapp einen Meter tief, damit die Sonne das Wasser besser erwärmen kann und die Fische schneller wachsen. Etwa eine Woche dauert es, bis die Teiche leergelaufen sind, je nach Größe. Das langsame Absinken des Wasserspiegels schützt die Tiere vor unnötigem Stress. „Das Wasser fließt direkt in das Schwarzwasser, und von dort lassen wir die Becken nach dem Abfischen auch wieder volllaufen“, so Nabein. Und abgefischt werden soll heute.

Von Mitte September bis Ende November hat Nabein damit zu tun. Zwei, manchmal drei Teiche, schafft er in der Woche. „Im Herbst sind die Fische nicht so empfindlich. Null bis fünf Grad ist die beste Lufttemperatur. Der kurzfristige Sauerstoffmangel, wenn die Tiere im Kescher von einem Wasser zum nächsten getragen werden, ist dann nicht so konzentriert wie im warmen Sommer“, weiß der Fachmann.

Nabein steigt ins Wasser und öffnet die Schleuse ganz. Seine Helfer haben das Brettergestell mit dem Netz inzwischen vor den Abfluss gelegt. Erst schnell, mit nur vereinzelten Fischen, schießt das Wasser durch die Öffnung. Allmählich aber wird das Wasser weniger, langsamer, Blätter und Schlamm, aber auch mehr Fische kommen mit. „Aufpassen, da kommt ein Dicker“, ruft Nabein, an der Schleuse stehend. Die beiden Männer am Netz passen auf, schnell wird der Fisch mit dem Kescher aufgenommen und fünf Meter zu einem Behälter mit Wasser getragen.

Der Behälter steht auf einem Anhänger, ein dritter Helfer steht neben ihm und nimmt den Kescher mitsamt den Fischen in Empfang und lässt sie zurück ins Wasser gleiten. Es muss schnell gehen, der Fisch soll möglichst kurz nur an der Luft sein. Da spritzt es schon mal, die Wat-hosen schützen zwar die Beine, aber nicht die Arme, die Haare, das Gesicht. Der glitschige Karpfen gleitet aus der Hand und klatscht in das Becken, eine Wasserfontäne belohnt den Angler feucht für die neu gewonnene Freiheit seiner Beute. Doch die Freiheit wird nur kurz währen.

Inzwischen ist der Teich fast leergelaufen, nur noch kleine Rinnsale durchziehen den größten Teil des Schlamms. Im Ablauf zur Schleuse blubbert es, das Wasser scheint zu kochen. Rückenflossen durchschneiden die Wasseroberfläche, hin und wieder zappelt einer der Teichbewohner auf dem Trockenen, windet sich, bis er ohne Hilfe zurück ins Nass gelangt, oder bis Nabein zur Stelle ist und hilft.

Damit möglichst wenig Fische im Schlamm zurückbleiben, treibt Nabein sie mit dem Kescher Richtung Schleuse, langsam, um Stress zu vermeiden. Es ist eigentlich kein Treiben, mehr ein Bitten. Ruhig, gelassen arbeitet er sich zur Schleuse vor. „Vor allem Schleihen bleiben gern im Schlamm zurück wenn das Wasser abläuft, da muss man etwas nachhelfen“, erzählt der Züchter.

Hektischer geht es am anderen Ende der Schleuse zu. Das Netz füllt sich mit großen und kleinen Fischen, die vollen Kescher werden im Zwei-Minuten-Takt zum Behälter getragen und ausgeleert. Trotz der gebotenen Schnelligkeit wird dabei offensichtlich keiner der Fische verletzt. Und sogar zum Sortieren ist noch Zeit. Kleinfische, die wahrscheinlich beim Einlaufen aus dem Schwarzwasser mit in die Teiche kamen, überlebt haben und nicht zum Verzehr geeignet sind, werden gleich wieder ausgesetzt.

Schließlich ist der Teich leer. Die Männer gönnen sich eine kurze Pause, die vergangenen Minuten waren anstrengend, das Tragen der vollen Kescher kostete Kraft. Zufrieden ist Nabein mit der Arbeit, nicht mit dem Fangergebnis. „Ich schätze, das waren 500 Kilogramm Fisch. Ich hatte mit mehr gerechnet. So ist das bei der Tierzucht“, sagt er. Nicht jeder eingesetzte Fisch kommt auch durch.

Beim Hecht sind es im Schnitt nur 0,5 Prozent der Tiere, die nach einem Jahr noch im Teich vorhanden sind. Daran ist nicht nur der Kormoran schuld, auch bei den eigenen Artgenossen steht Hecht ganz oben auf der Speisekarte. Bis zu 15 Prozent der Nachzucht kommt bei anderen Arten ins Netz. „Zwischen 400 und 600 Kilogramm Ernte je Hektar Wasserfläche sind üblich.“ Ernte heißt der Ertrag, da die Fischzucht zur Landwirtschaft gehört.

Die Hauptrolle spielt in Teichgut der Karpfen. Die ältesten von ihnen sind mehr als 20 Jahre alt, dienen als Laichkarpfen. Daneben finden sich in den Teichen Hechte, Zander, Schleihen, Forellen. Der Besatz läuft im April und Mai. Gefüttert werden die Tiere einmal in der Woche in den Monaten von Juli bis August. Rund 100 Kilogramm Futter braucht Nabein je Hektar und Woche. Insgesamt werden im Sommerhalbjahr rund 30 Tonnen reines Getreide verfüttert, bestehend ausschließlich aus Soja, Gerste und Mais. Zum Füttern der Tiere in den großen Teichen benutzt er das Boot, das so friedlich am Ufer liegt. „In der Wassermitte verteilt sich das Futter besser, es wird alles gefressen und vergammelt nicht am Ufer.“ So bleibt das Wasser sauberer, die Qualität besser, die Fische gesünder. Verantwortungsvoller Umgang mit Lebewesen steckt dahinter, auch wenn Nabein das nicht betont, nicht nur reines Handeln mit einer Ware.

Die leeren Teiche, in den wenigen noch vollen hält er im Winter je rund 2000 Kilogramm Fisch für die kommende Zucht, sollen sich in den kalten Monaten erholen. Nabein lässt den Schlamm durchfrieren, damit der Frost die Keime abtötet. Brandkalk verhindert weitere Schlammbildung, reguliert den PH-Wert des Wassers, desinfiziert den Boden. „Manchmal kommt Mist rein, damit sich Plankton als Futter für die Fische bilden kann“, so Nabein. Ab Januar laufen die Becken wieder voll. Das dauert je nach Größe bis zu drei Monaten. In Süddeutschland werden leere Fischteiche wegen des nährstoffreichen Bodens auch schon mal als Getreideanbauflächen genutzt. Nabein aber hat lieber Wasser drin, und natürlich Fische.

Die Fische werden sortiert.

Werner Nabein treibt die Nachzügler Richtung Schleuse.

Ein kapitaler Fang.

Von denen sind inzwischen die im Behälter gefangenen zu einem Schuppen gefahren worden. Hier werden sie jetzt in so genannte Hälterbecken nach Arten sortiert. Kescher für Kescher werden die Tiere aus dem Behälter geholt und in eine Wanne ohne Wasser geschüttet. Nabein und seine Helfer fangen die Tiere mit den Händen ein. Stolz hält einen einen dicken Karpfen vor die Brust, ein richtiger „Pfundskerl“. Mit Schwung wirft er das Tier in ein mit Netzen abgegrenztes Becken in dem Teich, über dem der offene Schuppen steht. Jede Fischart hat ein eigenes Becken. „Das ist für viele die vorletzte Station“, so Nabein.

Aus den Hälterbecken werden die Tiere bei Bedarf geholt, wenn Nabein sie verkauft, an Privatleute oder an Angelvereine, die ihre eigenen Anlagen mit den Fischen besetzen wollen. Auch der Anglersportverein Gifhorn bekommt natürlich seinen Anteil ab. „Und einige der Tiere werden in Fließgewässern ausgesetzt, um dort die Population im Lot zu halten, oder um irgendwann an einem Angelhaken zu landen.“ Er zieht die Netze der einzelnen Becken hoch, um Zahl, Größe, Zustand der Tiere zu überprüfen.

Aber auch die Küche der Teichgutschänke, deren Inhaber Werner Nabei ist, wird aus den Hälterbecken versorgt. Fangfrisch gelangen die Fische bei Bestellung vom Becken auf den Teller. Für die Fischgerichte wurde das Restaurant bereits ausgezeichnet, wurde als eines der 200 besten Fischrestaurants in Deutschland von einem Fachjournal ausgewählt.

Noch ist die Arbeit nicht ganz erledigt. Nabein holt einen Schlauch, der Anhäger mit dem Behälter und die Sortierstation müssen sauber gemacht werden, Netze und Kescher ebenfalls. Laub, Geäst, Dreck hat die Fische auf ihrem Weg vom Teich über den Frischwassertank in die Hälterbecken begleitet. Mit reichlich Teichwasser wird alles abgespült, auf ein paar Liter kommt es nicht an. Es ist der perfekte Kreislauf, umweltfreundlich, kostengünstig.

Keine drei Stunden hat das Abfischen und Sortieren des kleinen Teichs gedauert. Und der nächste Teich zeigt bereits einen zufrieden stellenden niedrigen Wasserstand. Aber Nabein zieht Stiefel und Wathose aus. Er hat noch andere Dinge zu tun. Diese Fische haben noch einen Tag Schonfrist.